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Interview mit Bundestrainer Uli Forstner nach der WM "Ärger überwiegt Freude!" Einen Tag nach der WM in Tasmanien sprach Uli Meyer von der Deutschen Hockey Zeitung mit Junioren-Bundestrainer Uli Forstner über das Erlebte. Während der Rest der deutschen WM-Delegation am Morgen nach dem Finaltag bereits die lange Heimreise aus Hobart antrat, blieb Junioren-Bundestrainer Uli Forstner "down under". Zwei Wochen Urlaub in Australien hängt der 43-jahrige Ulmer im Anschluss an die 7. Weltmeisterschaft der Junioren an. Die DHZ führte am Tag nach dem Finale folgendes Telefon-Interview mit dem DHB-Coach. Frage:Was überwiegt derzeit bei Ihnen: die Freude über eine WM-Medaille oder der Ärger über Verpasstes? Forstner:Es überwiegt ganz klar der Ärger. Und zwar deswegen, weil nach Turnierende so viele Leute zu uns, zu mir gekommen sind und sagten: Ihr wart so klar die beste Mannschaft hier, es ist so schade, dass Deutschland nicht im Endspiel gestanden hat. Frage:Die augenscheinlich berechtigten deutschen Titelträume starben im Halbfinale. Was waren die Gründe für die Niederlage gegen Indien? Forstner:Es war eine Anhäufung von Pech, Unglück und auch Unvermögen. Es ging schon mit der Seitenwahl los. Die Sonne stand vor Spielbeginn um 17.30 Uhr ziemlich tief. Ich selbst hatte entschieden, dass wir zuerst gegen die Sonne spielen, weil zu erwarten war, dass die Sonne in der zweiten Hälfte noch tiefer stehen und vor allen den Torwart und die Abwehrspieler noch mehr blenden würde, was dann aber nicht der Fall war. Nur 50 Sekunden nach Spielbeginn wurde uns dies zum Verhängnis, als ein langer Schlenzball der Inder auf unseren Linksverteidiger Jan Gehlen kam, der den Ball nicht stoppte, weil er in diesem Augenblick genau in die Sonne schauen musste. Der hinter ihm lauernde indische Stürmer nahm den Ball auf und holte im eins gegen eins mit dem Torhüter einen Siebenmeter heraus, der zum 0:1 führte. Und so ein früher Rückstand ist leider genau das Falsche gegen eine Mannschaft, die überhaupt kein eigenes Aufbauspiel hatte und fast ausschließlich mit langen Schlenzballen von hinten heraus auf Konter zu spielen versuchte. Frage:Immerhin blieben noch knapp 69 Minuten Zeit. Forstner:Die Pechsträhne ging ja weiter. Das 0:2 nach gut 20 Minuten wäre wohl nicht gefallen, wenn der aufmerksam vor seinen Gegenspieler gelaufene Max Landshut einen eigentlich simplen Schiebepass der Inder abgefangen hätte. Durch eine Platzunebenheit spang der Ball im letzten Moment hoch und über das Landshut-Brett. Dadurch stand der Inder plötzlich alleine vor dem Tor und ließ sich diese Chance nicht entgehen. Frage:Und kurz vor der Pause fiel gar noch das 0:3. War dieser Rückstand einfach zu hoch, um noch eine Wende herbeizuführen? Forstner:Ja, weil zu dem bereits geschilderten Pech in gewissem Maß auch Unvermögen dazu kam. Man muss zugeben, dass wir in diesem Spiel mit unseren Ecken einfach zu schwach waren. Da gab es technische Mängel bei der Ausführung, falsche taktische Entscheidungen über zu spielende Varianten, eine erste Welle der Inder, die zwei, dreimal hervorragend unsere Schützen abgelaufen hat, und dann wurde noch zweimal der Ball von der Linie gekratzt. So kam schließlich eines zum anderen, letztlich war es eine Verkettung äußerst unglücklicher Umstände. Frage: Und dennoch wurden Sie in australischen Presseberichten mit den Worten zitiert, dass das Halbfinale das beste WM-Spiel der deutschen Mannschaft gewesen sei. Wie passt das zum Resultat? Forstner:Es war tatsächlich ein sehr gutes Spiel von uns, weil die Mannschaft auf das ungewöhnliche Raumdeckungssystem der Inder, das wir vorher genauestens analysiert hatten, sehr gut eingestellt war und die spieltaktische Marschroute hervorragend umgesetzt wurde. Wirklich: Die Jungs haben super gespielt. Und sieht man das Eckenverhaltnis von 11:2, dann ist das auch ein Spiegelbild des Spielverlaufes. Nur im reinen Ergebnis sieht eben alles anders aus. Frage:Ist Ihre Mannschaft Opfer der auch von außen zugeschriebenen Favoritenstellung geworden? Forstner:Nein, das denke ich nicht. Das Halbfinale besaß mit seinen geschilderten Umständen eine Sonderstellung. Wenn man gegen eine Mannschaft wie Indien, die sich überhaupt nicht um einen vernünftigen Spielaufbau bemüht und völlig defensiv fast nur auf Konter wartet, mit 0:3 zurückliegt, dann ist es eben wahnsinnig schwer, noch etwas zu machen. Frage:Im Finale siegten die Inder immerhin mit 6:1. Forstner:Ich habe nach 20 Minuten die Tribüne verlassen. Ich konnte es einfach nicht mehr mit ansehen. Es war wohl kein gutes Spiel, die Argentinier waren einfach platt, konnten sich nicht mehr aufbäumen. Irgendwann werde ich mir das Finale nochmal komplett auf Video anschauen. Aber zu diesem Zeitpunkt war die Enttäuschung einfach noch zu frisch. Frage:Die schwache Erfolgsquote bei Strafecken zog sich bei der deutschen Mannschaft fast durch das gesamte Turnier. Forstner:Am Anfang der WM hatten wir, bis auf das Neuseeland-Spiel, auch sehr wenig Ecken zugesprochen bekommen. Das war ein Problem. Man muss im Nachhinein sagen: Es war bei unseren Ecken nicht die Stabilität vorhanden, die man sich für solch ein Turnier wünscht. Frage:Lag das an der Tatsache, dass Ihre Mannschaft in der WM-Vorbereitung kaum komplett zusammen war, kaum Zeit hatte, sich richtig einzuspielen? Forstner:Das hat auch damit zu tun, aber nicht ausschließlich. Ich denke, dass auch der schwierige Turnierstart ein Ergebnis dieser Situation war. Frage:Wie hat sich denn der Turnierverlauf aus Ihrer Sicht dargestellt? Forstner:Wir konnten ja nicht ahnen, dass unser Auftaktgegner Argentinien ein späterer Finalist sein würde. Das war einfach eine sehr starke Mannschaft, gegen die wir glücklich 2:1 gewinnen konnten. Trotz großer Überlegenheit reichte es dann gegen Neuseeland ebenfalls nur zu einem knappen Sieg, und auch beim 2:2 gegen Malaysia zeigte sich, dass die Feinabstimmung in unserem Spielaufbau noch nicht vorhanden war. Die Zwischenrunde war dagegen hervorragend, weil die Mannschaft dann eingespielt war. Das 2:1 über Spanien war klarer, als das Ergebnis es aussagt. Auch in den Spielen gegen Südkorea und England gab es nie einen Zweifel an unseren verdienten Siegen. Und letztlich zog sich die Leistungssteigerung fort bis ins Halbfinale und das Spiel um Platz drei. Ich rechne es der Mannschaft im Übrigen sehr hoch an, dass sie trotz des bitteren Ausscheidens sehr motiviert und willensstark im Spiel um die Bronzemedaille agiert hat. Auch gegen Indien war bis zur letzten Sekunde kein Aufgeben zu spüren. Frage:Ist die Mannschaft bei der WM an das Leistungsvermögen herangekommen, das man ihr zugetraut hat? Forstner:Doch, das kann man sagen. Wir haben uns an unser oberstes Limit herangearbeitet. Mit Beginn der Zwischenrunde wurden sehr gute Leistungen, sowohl offensiv als auch defensiv, geboten. Da wurde toll kombiniert, viele Schusskreisszenen herausgespielt. Damit war ich zufrieden. Frage:Wollen, können Sie einzelne Spieler herausheben? Forstner:Ganz vorne steht Torhüter Uli Bubolz, der einen großen Anteil am 2:1-Sieg über Argentinien hatte und insgesamt einen sehr stabilen Eindruck hinterließ. Das war eine Turnierleistung, die aus meiner Sicht so nicht unbedingt zu erwarten war und die ihn künftig auch interessant Richtung A-Kader macht. Max Landshut spielte in der Abwehr sehr stabil und gut, hat die Mannschaft als Kapitän super geführt. Im Mittelfeld war Sebastian Biederlack auffällig stark, in der Defensivleistung ebenfalls hervorragend agierte Eike Duckwitz. Leider kam Tibor Weißenborn im Mittelfeld nicht an seine Bestleistung heran. Er schien zu übereifrig, wollte einfach zuviel. Da hat ihm oft die Ruhe gefehlt. Von den Offensivleuten haben alle die zu erwartende Leistung gebracht. Auch Christopher Zeller, der ja quasi als letzter Stürmer nominiert wurde, hat ein gutes Turnier gespielt. Frage:Gibt es spontan eine Konsequenz fur Ihre künftige Arbeit, speziell in der Vorbereitung auf solch ein Turnier? Forstner:Es wird bestimmt ein Diskussionsthema zwischen uns Trainern sein, wie wir das in Zukunft halten wollen. Ich finde, wir müssen eine grundsätzliche Entscheidung fällen, ob man Juniorenspieler, die schon fest im A-Kader sind, noch zusätzlich in eine C-Kadermannschaft nimmt. Die betreffenden Spieler wollten das zwar und hatten jetzt bestimmt auch viel Spaß dabei, doch es bleibt nicht nur aus Gründen der Überbelastung fragwürdig. Es stellt sich auch die Frage, ob man nicht besser jüngeren Perspektivspielern eine Chance gibt, Erfahrungen auf höchstem Niveau zu sammeln, oder ob man unbedingt mit der bestmöglichen Mannschaft fahren will. Frage:Hat nicht Holland ein Negativbeispiel abgegeben? Die Niederlander hatten drei Junioren aus dem A-Kader bewusst zu Hause gelassen und wurden in Hobart nur Achter. Forstner:Wenn man nur auf das Ergebnis schaut, war unsere Personalentscheidung auch richtig. Die Leute aus dem A-Kader haben enorm zur Staibilitat der Junioren-WM-Mannschaft beigetragen. Und: Das Gesamtniveau der 7. WM war hoch. Wenn das Potenzial unserer Mannschaft nicht so groß gewesen wäre, dann hätten wir noch mehr Schwierigkeiten gehabt, überhaupt die erste Runde heil zu überstehen. Aber man muss sich trotzdem fragen, ob man ausschließlich auf die Platzierung schaut oder ob man die Personalplanung im C-Kader-Bereich auch unter dem Aspekt verfolgt, dass wir eine breitere Spitze im Erwachsenenbereich haben wollen. Daran fehlt es uns in Deutschland im Moment einfach noch. Frage:Apropos Doppelbelastung: Welche der Junioren-WM-Spieler werden bei der Champions Trophy in Rotterdam dabei sein? Forstner:Ich bin auch diesbezüglich ständig mit Herren-Bundestrainer Bernhard Peters in Kontakt gewesen. Er hat konkrete Vorstellungen für die Nominierung zur Champions Trophy, doch er will sich erst mit den betreffenden Juniorenspielern nach deren Rückkehr in Verbindung setzen, Vereinbarungen treffen und dann seine Nominierung bekanntgeben. (Das Interview führte Uli Meyer) |
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